Karsten Warholm: Der Wikinger, der Lego liebt und Schallmauern durchbricht

Karsten Warholm (29) lebt zwischen zwei Welten. Auf der einen Seite der charmante, umgängliche Kumpel von nebenan – den Schalk im Nacken, manchmal ein paar Minuten zu spät, dafür bereit für stundenlange Jacuzzi-Sessions mit seinem 39 Jahre älteren Coach Leif Olav Alnes (68). Auf der anderen Seite der furchtlose Wikinger, der in jedem 400-m-Hürdenrennen losstürmt, als wäre es sein letztes. Bei Weltklasse Zürich hat der Weltrekordhalter, WM-Titelverteidiger und Olympiasieger von 2021 noch etwas gutzumachen.
Karsten Warholm ist nicht nur ein Meister auf der Bahn, sondern auch am Basteltisch. Ein bekennender Lego-Fan seit Kindertagen. Während der Coronazeit versank er stundenlang in seinen Steinwelten, entspannte sich beim Erschaffen von Hogwarts und anderer Wunderwerke. Stein für Stein, ganz ohne Zeitlimit, ganz ohne Gegner. Wäre er selbst eine Lego-Figur, trüge sie wohl einen gehörnten Wikinger-Helm, blitzende PUMA-Spikes und einen nach unten gerollten Speed-Suit, der den Sixpack freigibt. Und auf der Brust? Zwei knallrote Handabdrücke – das Markenzeichen des Kriegers, der gleich zum Angriff bläst.
Jedes Rennen eine Schlacht
Um sich vor dem Start in die nötige Wettkampfstimmung zu bringen, erweckt Karsten Warholm den «Thor» in sich zum Leben. Der sonst friedfertige Norweger verpasst sich eine saftige Backpfeife, hämmert sich mit der flachen Hand auf die Brust. Dann verwandelt er sich in einen wilden Wikinger. In einen wütenden Berserker. Diesem Krieger der nordischen Sagen, der im Rauschzustand keinerlei Schmerzen mehr spürt.
Niemand geht die ersten der zehn Hürden so gnadenlos an. Niemand brennt auf der Zielgeraden so lichterloh im Laktatfeuer wie der dreifache Weltmeister (2017, 2019, 2023) und zweifache Wanda Diamond League Champion bei Weltklasse Zürich 2019 und 2021. Schritt für Schritt, Hürde für Hürde nähert er sich auf der «Killerstrecke» dem Delirium – und wird vom Rekord- und Diamond-Trophy-Jäger selbst zum Gejagten.

Menschliche Grenzen verschoben
Nachhaltig in Erinnerung geblieben ist Karsten Warholms Auftritt vor sechs Jahren beim Final im ausverkauften Stadion Letzigrund. Nicht nur gewinnt der 23-jährige Jungspund seinen ersten von zwei Diamanten. Nein, er durchbricht in 46,92 Sekunden, der damals zweitschnellsten je gelaufenen Zeit, als erster Europäer die 47-Sekunden-Schallmauer. Unvergessen sein Gesichtsausdruck beim Überqueren der Ziellinie und Aufbranden des Jubels. Eine Mischung aus Verwunderung und schierer Ektase.
Noch ungläubiger blickt Warholm 2021 in die Kameras, als die Omega-Zeitmessung im Olympiastadion von Tokio bei 45,94 Sekunden stehenbleibt – und damit knapp acht Zehntel unter dem fünf Wochen zuvor aufgestellten Weltrekord (46,70). Die Bilder mit den hochaufgerissenen Augen, dem offenen Mund und den ausgestreckten Händen gehen rund um den Globus. WAS. FÜR. EIN. FABELREKORD! Bis heute ist Karsten Warholm der einzige Mensch auf dem Planeten, der das Stadionoval samt Hürden in weniger als 46 Sekunden umrundet hat.
(Un-)Gleiches Athlet-Coach-Duo
Seither gehört der Olympiasieger und Weltrekordhalter nicht nur in seinem Heimatland Norwegen zu den bekanntesten und beliebtesten Sportpersönlichkeiten. Das liegt auch an seinem Coach: Leif Olav Alnes, 68 Jahre alt, Biomechaniker, Mastermind und väterlicher Freund. Er hat aus dem einstigen Wirtschaftsstudenten und U18-Weltmeister im Achtkampf den schnellsten 400-m-Hürdenläufer aller Zeiten geformt – ohne dabei die soziale Komponente zu vernachlässigen.
Fast 40 Jahre trennen die beiden, doch sie funken auf derselben Wellenlänge. Seit Warholm seinem Mentor nach Rio 2016 ein Smartphone schenkte, hat dieser den digitalen Turbo gezündet – heute hantiert «Coach Leif» souverän mit Tablet und AirPods, als hätte er nie etwas anderes getan.
Die unkonventionelle Athlet-Trainer-Beziehung geht denn auch weit über den Sport hinaus: Nach harten Einheiten relaxen sie zusammen im Pool oder Jacuzzi, halten – wenn es sein muss – gemeinsam Diät oder drehen virale Social-Media-Challenges. Etwa einen Oben-ohne-Hürdensprint auf einem zugefrorenen norwegischen See, auf dem man praktischerweise gleich noch eisfischen- und -baden kann. Karsten bringt es auf den Punkt: «In Coach Leifs altem Körper steckt ein junger Geist – bei mir ist es umgekehrt. Deshalb passen wir perfekt zusammen.»
Höchststrafe bei Weltklasse Zürich
Dass Warholm und Alnes nicht nur hart und smart trainieren, sondern sich auch gegenseitig köstlich auf die Schippe nehmen, hat sich in der Leichtathletik-Szene längst herumgesprochen. Warholm frotzelt gern über die Fitness seines Coaches. Der hingegen kontert mit Stil. Beim letztjährigen 100-m-Showdown «Karsten vs. Mondo» in Zürich taucht Alnes im hautengen Superheldenkostüm auf mit der Aufschrift «Fat by choice». Ein Seitenhieb auf sich selbst, serviert mit der Selbstironie eines Mannes, der weiss, dass Humor manchmal das beste Training ist.
Fit, aber nicht «fast» genug war demgegenüber sein Musterathlet im Duell mit dem schwedischen Stabhochsprung-Weltrekordhalter Mondo Duplantis. Wette verloren – Strafe folgt. Am nächsten Abend tritt Warholm im knallgelb-blauen Schweden-Dress ins Stadion Letzigrund. Die Höchststrafe für einen Norweger und «kein Moment, auf den ich stolz bin», wie er öffentlich bekannte. Das Zürcher Publikum indes feierte den Ehrenmann.

Fairer Sportsmann
Überhaupt muss man dem Wikinger trotz allem Ehrgeiz und Siegeswillen eines lassen: So wild Karsten Warholm auf der Bahn ist, so fair ist er daneben. Der Weltrekordhalter über 300 und 400 m Hürden hasst Niederlagen – zuletzt in Stockholm gegen Olympiasieger Rai Benjamin – mit jeder Faser. Und doch scheut er keine Herausforderung. Selbst angeschlagen oder nicht ganz in Topform, stellt er sich der Konkurrenz, gratuliert seinen Bezwingern und bleibt ein fairer Sportsmann durch und durch.
Auch Weltklasse Zürich kennt beide Seiten des Karsten Warholm: Fünfmal trat der Publikumsliebling hier in seiner Paradedisziplin an: Zweimal siegte er, dreimal wurde er Zweiter. Es wird also höchste Zeit, die Bilanz vor der WM in Tokio noch etwas aufzubessern.
