Marileidy Paulino – Vom barfussrennenden Mädchen zur dominikanischen «Bahnbrecherin»

2022 durchmass Marileidy Paulino die Bahnrunde bei Weltklasse Zürich erstmals in weniger als 49 Sekunden. Am Donnerstagabend, 28. August kehrt sie zurück ins Stadion Letzigrund. Als erste Olympiasiegerin und Leichtathletik-Weltmeisterin der Dominikanischen Republik – auf der Jagd nach ihrem vierten Diamanten und einem der ältesten (Meeting-)Rekorde überhaupt.
Barfuss. So beginnt die Reise der am 25. Oktober 1996 geborenen Marileidy Paulino in den staubigen Strassen von Don Gregorio, einem kleinen Dorf der Gemeinde Nizao. Fünf Geschwister, eine Mutter, eine Grossmutter – kein Vater. Oft wissen sie nicht, was am nächsten Tag auf dem Tisch steht. Doch es gibt diesen Glauben, den die Grossmutter Marileidy mitgegeben hat: Vertraue auf Gott, lege dein Schicksal in seine Hände. Und es gibt diesen goldenen Traum, unscheinbar am Anfang, fast verborgen in einem schüchternen, zurückhaltenden Mädchen.
Was Marileidy ebenfalls hat, ist ein grosser Bewegungsdrang. Laufen, springen, werfen – auf dem Handballfeld. Dort steht sie kurz vor der Aufnahme ins Nationalteam. Doch dann kommt der Tag, an dem ihr Sportlehrer ihr Potenzial für die Leichtathletik entdeckt. Bei einem Schulwettkampf schlägt sie alle Buben. Er und später auch der Sportminister der Dominikanischen Republik erkennen: Dieses Mädchen trägt mehr in sich als bloss Spielfreude. Als Marileidy ihre ersten Sprint-Spikes anzieht, hat sie das Gefühl, sie würde fliegen. Es ist der Beginn einer Reise, die sie zur «Gazelle von Nizao» machen sollte.
Ein Rohdiamant, veredelt vom «Profe»
Erst im Alter von 19 Jahren entscheidet sich die damalige Sportstudentin, ihre Energie ganz auf die Leichtathletik zu verwenden. Bei den Spielen Zentralamerikas und der Karibik 2018 landet sie über 100 m (11,33) und 200 m (23,04) jeweils auf dem vierten Platz und erringt Bronze mit der 4x100-m-Staffel. Aus der spätberufenen Anfängerin wird ein Profi. Und professionell ist auch ihre Einstellung, Disziplin und Hingabe.
Selbst an Weihnachten heisst es Aufstehen um 5.30 Uhr, Training bis 11 Uhr, Mittagspause, dann wieder Training. Marileidy Paulino gibt alles für ihren Traum – der Teilnahme an den Olympischen Spielen. Und sie arbeitet so hart dafür wie kaum eine andere. 42 Mal 200 m auf der holprigen Bahn? Für sie Teil der Saisonvorbereitung. Ihr kubanischer Trainer Yassen Pérez Gómez, ein vormaliger Guide von blinden Parasprinter:innen, den alle nur «Profe» (Lehrer) nennen, schmiedet aus dem Kurzsprint-Rohdiamanten ein Langsprint-Juwel. Sie mag die 400 Meter zunächst nicht, will ihrem holländischen Vorbild Dafne Schippers über 100 m und 200 m nacheifern. Heute ist sie die Königin über die Stadionrunde und dank ihrem Kampfgeist wie geschaffen für diese mörderisch-harte Disziplin.

In Siebenmeilenstiefeln auf die Weltbühne
Den globalen Durchbruch schafft Marileidy Paulino 2021 – nach einem kompletten Jahr Wettkampfunterbruch wegen der Pandemie. Bei den Olympischen Spielen in Tokio stürmt sie in Siebenmeilenstiefeln zu Silber über 400 m und mit der 4x400-m-Mixedstaffel. Auf den Spuren des früheren Doppelolympiasiegers Félix Sánchez (400 m Hürden) und Silbergewinners Luguelín Santos (400 m) beschert sie ihrer Heimat die erste olympische Einzelmedaille einer Frau. Nur wenige Wochen später, bei Weltklasse Zürich, wird die sie Zweite.
2022 erkämpft sich Paulino erneut Silber an den Weltmeisterschaften, gefolgt von der ersten Diamond Trophy beim Final in Zürich. Auf ihrer Paradestrecke hat die dominikanische Dominatorin in der höchsten weltumspannenden Meetingserie seither nur noch eine Niederlage erlitten. 2023 in Budapest krönt sie sich als erste Leichtathletin ihres Landes zur Weltmeisterin. Ein historischer Moment – und die Bestätigung, dass aus dem olympischen Traum ein Goldtraum werden kann.

Ein Wirbelsturm im Regen von Paris
In Paris 2024 ist es so weit. Weder der Regen noch die hochkarätige Konkurrenz vermögen den karibischen Wirbelsturm aufzuhalten. In der olympischen Rekordzeit von 48,17 Sekunden fegt die einstige Barfussläuferin schneller über die nasse Bahn als jede Olympionikin vor ihr. Marileidy Paulino hat sich ihre Goldträume («Sueños Dorados») erfüllt. Der gleichnamige Dokumentarfilm kam dieses Jahr in die Kinos.
Als die «Gazelle von Nizao» von den Spielen zurückkehrt, warten 11 Millionen Landsleute auf sie. In der Hauptstadt Santo Domingo und ihrer Heimgemeinde wird die neue Nationalheldin empfangen und gefeiert. Allein, der öffentliche Rummel um ihre Person behagt ihr nicht. Sie weiss, woher sie kommt, welche Hindernisse sie überwinden musste, welche Opfer sie gebracht hat. Und sie weiss, wem sie alles verdankt: ihrer Mutter Anatalia, ihrer Grossmutter, ihrem «Profe» – und ihrem unerschütterlichen Glauben.
Voller Demut zur letzten Mission
Trotz aller Medaillen, Trophäen und persönlicher Triumphe ist sich Marileidy Paulino treu geblieben. Demütig, tiefgläubig und barmherzig, hat sie ihrer Mutter ein eigenes Haus gekauft und eine Stiftung gegründet, die Waisenkindern und jungen Athletinnen aus bescheidenen Verhältnissen hilft. Etwa mit Schuhen. Es sind die Schuhe einer 28-jährigen Olympiasiegerin, Weltmeisterin, Goldmedaillengewinnerin der panamerikanischen Spiele und dreifachen Wanda Diamond League Champion (2022, 2023, 2024). Noch heute schreibt die einstige Barfussläuferin vor grossen Rennen eine Zeit auf ihre Spikes, die sie sich vornimmt, versehen mit einer Danksagung an «Dios».
Ihr grösster Gegner sei stets die Uhr, sagt die viertschnellste Viertelmeilerin der Geschichte. Bestärkt durch den olympischen Rekord (48,17), hat sie es sich zur Mission gemacht, irgendwann auch den Uralt-Weltrekord von Marita Koch (47,60) aus dem Jahr 1985 zu brechen – «ehrlich und sauber», wie sie präzisiert. Jarmila Kratochvilovás Meetingrekord (48,86) bei Weltklasse Zürich ist gar seit 43 Jahren unangetastet. Zeiten und Ziele, die Marileidy Paulino weiter antreiben.
Jagd auf den vierten Diamanten
Hungriger denn je, jagt die dreifache Finalsiegerin über 400 m ihren vierten Diamanten, den zweiten im Stadion Letzigrund. Ein Ort, an dem sie 2022 erstmals unter 49 Sekunden (48,99) geblieben ist. Ein Ort, an dem Legenden geboren und Träume wahr werden. Ein Ort, der auch dank der vielen dominikanischen Fans einen besonderen Platz im Herzen der berühmtesten Insulanerin hat.
Auf der Zürcher «piste magique» will die «Bahnbrecherin» zeigen, dass ihre Geschichte noch lange nicht zu Ende geschrieben ist. «Egal, wo du herkommst, egal, was du mitbringst – wenn du dich anstrengst und ganz fest an dich glaubst, kannst du alles schaffen.» Das ist Marileidys Botschaft. Für die Kinder von Nizao. Für alle Mädchen, die immer noch barfuss durch die Strassen rennen. Für die ganze Welt.
