Neeraj Chopra: Indiens goldener Arm, der die Schweiz mag und die Welt verbindet

Seit seinem Olympiasieg 2021 ist Neeraj Chopra nicht mehr nur Asiens erfolgreichster Speerwerfer – er ist Indiens «Golden Boy», ein Volksheld mit 1,4 Milliarden Augenpaaren im Rücken. Wo immer der meistgefolgte Leichtathlet der Welt auftaucht, tobt der Rummel, die Kameras klicken, die Fans drängen. Umso mehr sucht der 27-Jährige im Sommer die Ruhe Europas – und die Schönheit der Schweiz. Hier tankt er Kraft für den nächsten 90-Meter-Wurf und holt sich Inspirationen vom UBS Kids Cup, um die Kinder auch in seiner Heimat zu bewegen.
Fünf Jahre lang immer dieselbe Frage, auf Englisch oder Hindi: «Neeraj, wann schaffst du die 90 Meter?» Im Training und mit anderen Wurfobjekten hatte er sie längst übertroffen. Allein, im Wettkampf und mit dem 800 Gramm schweren Speer fiel die magische Grenze bislang nicht. Weder beim Olympiagold in Tokio (87,58 m) noch beim Finalsieg der Wanda Diamond League in Zürich 2022 (88,44 m). Nicht beim WM-Titel 2023 (88,17 m) und auch nicht beim Olympiasilber 2024 (89,45 m).
Dann kam Doha, 16. Mai 2025. Dritter Versuch. Der Speer schiesst durch die dunkle Nacht, dreht sich x-fach um die eigene Achse – und landet bei 90,23 Metern. Endlich! Neeraj Chopra tritt als 25. Mensch in den elitären 90-Meter-Klub ein. Wenige Minuten später folgt ihm der deutsche Ex-Europameister Julian Weber mit 91,06 Metern (Weltjahresbestleistung). Zwei Rivalen, zwei Freunde, zwei Jubelnde, die den persönlichen Meilenstein gemeinsam feiern.

Weltrekordler trainiert Weltrekordler
Das Fundament für Chopras grossen Wurf legte ab 2019 Dr. Klaus Bartonietz. Der 75-jährige deutsche Biomechanik-Experte öffnete seinem Schüler, wie er einmal sagte, die Tür zur Weltklasse. Hindurchgehen musste Neeraj allerdings selbst. Bartonietz formte aus dem äusserst disziplinierten und vielseitig talentierten Athleten einen Champion, der seinen Sport immer wieder neu denkt und zusammen mit seinem Physiotherapeuten Ishaan Marwaha kreative Übungen entwickelt.
Ende 2024 trat der Lehrmeister in den verdienten Ruhestand. Chopra suchte einen neuen Coach – und fand ihn über sein Schweizer Athletenmanagement in einer lebenden Legende: Jan Železný. Der Tscheche, bis heute Weltrekordhalter (98,48 m), knackte die 90 Meter in 34 Wettkämpfen ganze 53 Mal. Für Neeraj, seit 2016 selbst Inhaber des U20-Weltrekords (86,48 m), war Železný Idol und Inspiration zugleich. Beide gelten als Filigrantechniker, nicht als rohe Kraftwerfer. Die Zusammenarbeit trägt diese Saison bereits Früchte. Doch beide wissen: der Speer kann weiter fliegen – wenn Technik, Tempo und Timing stimmen.
Vom Bauernsohn zum Medaillenjäger
Im Vergleich zu manchen Speer-Kolossen wirkt Chopra fast schmächtig. Seine Waffe ist die Geschwindigkeit und ein blitzschneller rechter Arm. Eine Fähigkeit, die ihm auch im Nationalsport Cricket zum Vorteil gereicht hätte. Aber der Bauernsohn aus Khandra, einem kleinen Dorf nahe der pakistanischen Grenze, wählte die Leichtathletik. Oder das Schicksal wählte ihn aus…
Denn als übergewichtiger Junge wurde er von seinen Schulkameraden gehänselt. Mit zehn Jahren schickte ihn sein Vater ins örtliche Gym, um an der Fitness zu arbeiten. Wenig später nahm ihn ein Onkel mit ins nächstgelegene Shivaji Stadium. Trotz schwieriger Startbedingungen – und ohne Kunststoffbahn im Anlauf – verliebte sich Neeraj sofort in den Speerwurf. Eine Disziplin, so alt wie die Menschheit selbst. Was in der Steinzeit der Jagd diente, wurde für ihn zur Lebensaufgabe: der Jagd nach Medaillen.

Idol einer ganzen Sportnation
Vom ersten lokalen Wettbewerb über nationale Meisterschaften bis hin zu kontinentalen und globalen Bühnen: Neeraj Chopra avancierte zum Seriensieger, zum «Golden Boy». Seit der Aufnahme in die Armee 2016 sicherte sich der ehemalige Junioren-Weltmeister und heutige Oberstleutnant auch auf Elitestufe Gold um Gold – von den Asienmeisterschaften (2017) über die Asian Games (2018/23) und Commonwealth Games (2018) bis zu Olympia (2021) und Weltmeisterschaften (2023).
Mit dem Goldwurf beim Olympiadebüt in Tokio schrieb der damals 23-Jährige endgültig Geschichte: als zweiter indischer Einzelolympiasieger und erster in der weltumspannenden Leichtathletik. Für das bevölkerungsreichste Land der Welt war er mehr als ein Champion – er wurde zum Hoffnungsträger, zum grossen Idol einer ganzen Sportnation. Millionen Kinder eifern ihm nach, träumen davon, selbst internationale Medaillen zu erobern. Vielleicht sogar im eigenen Land, das für die Olympischen Spiele 2036 kandiditiert.
Jugendsport-Botschafter und Meetingorganisator
Neeraj Chopra selbst dürfte dann nicht mehr aktiv sein. Dennoch engagiert er sich schon heute für die Generation von morgen. Als Botschafter des Grassrootprojekts «UBS Athletics Kids Cup» bringt er Kindern in Indien das «Laufen, Springen und Werfen» nahe. Inspirieren liess er sich vom Original, dem Schweizer UBS Kids Cup, organisiert von Swiss Athletics und Weltklasse Zürich, dessen Finalveranstaltung Chopra 2022 – zwei Tage nach seinem Speersieg – im Stadion Letzigrund besucht hat.
Ähnlich gross denkt er mit seinem eigenen Leuchtturmevent: der Neeraj Chopra Classic. Das Meeting feierte Anfang Juli in Bengaluru Premiere – vor 15’000 begeisterten Fans, versehen mit Gold-Status von World Athletics und weltmeisterlich besetzt. Dabei landete der Nationalheld nicht nur einen viel umjubelten Heimsieg, sondern kümmerte sich als Organisator auch höchstpersönlich um das Wohl seiner Gäste und Mitstreiter. «Obwohl ein Megastar in Indien, bleibt Neeraj die bescheidenste Person, die es gibt», sagt der erste schwarzafrikanische Speerwurf-Weltmeister Julius Yego über seinen asiatischen Nachfolger.

Ausstrahlung weit über den Sport hinaus
Yego (Kenia) und der 2012-Olympiasieger Keshorn Walcott (Trinidad und Tobago) waren die ersten «Exoten», welche die europäische Speer-Dominanz durchbrachen. Mittlerweile ist die Disziplin globaler denn je – und Neeraj Chopra ihr grösster Promoter. In Paris 2024 bildete er mit Arshad Nadeem (Pakistan) und Anderson Peters (Grenada) das erste rein nicht-europäische Olympiapodest. Ein Bild, das dank Chopras über neun Millionen Followern auf Instagram um die Welt ging und zum Symbol wurde für die Universalität der Leichtathletik, aber auch für die brückenbauende Kraft des Sports.
Welche Ausstrahlung der weltweit «most written about athlete» inzwischen über den Sport hinaus geniesst, zeigt sich auch in seiner Wahlheimat, der Schweiz. Als «Friendship Ambassador for India» von Switzerland Tourismus präsentiert er seinen Landsleuten die Hotsports Zürichs und der Alpen, trifft Roger Federer und besucht mit Mondo Duplantis in Crans-Montana das Golfturnier des gemeinsamen Schweizer Uhren-Partners Omega. Einer seiner signierten Speere findet sich im Olympischen Museum in Lausanne, ein anderer ruht im ewigen Eis des Jungfraujochs.
Lauthals unterstützt von seinen indischen Anhängern im Stadion Letzigrund und Millionen vor dem TV, möchte Neeraj Chopra seine zweite Diamond Trophy von Zürich nach Indien «entführen». Am liebsten veredelt mit einem 90-m-Wurf. Oder vergoldet mit der WM-Titelverteidigung in Tokio.

