Sirtaki in der Luft – Karalis und Tentoglou bitten zum Tanz auf dem Sechseläutenplatz

Wenn am Mittwochabend, 27. August, bei Weltklasse Zürich auf dem Sechseläutenplatz das Crescendo eines Sirtaki erklingt, wird die Innenstadt zur Freiluftbühne. Zwischen Bellevue, Opernhaus, Bernhard Theater und dem Blau des Zürichsees, erhebt sich eine riesige Arena, in der Heldenepen geschrieben werden. Mittendrin: Emmanouil Karalis (24) und Miltiadis Tentoglou (27), zwei Söhne Hellas auf dem Sprung in den Olymp.
Es ist eine Kulisse, die auch ins antike Athen passen würde. Dort, wo Theater, Kunst, Musik, Tanz und Bewegung gleichermassen zelebriert wurden, verschmolz körperliche Ästhetik mit Hochkultur. Nun also Zürich, Jahrtausende später: Athletinnen und Athleten im wahrsten Sinn des griechischen Wortes «áthlos», die auf der höchsten Bühne ihr Können zeigen – der Wettkampf als Kunstform, in der Tradition Olympias, im Rhythmus der Gegenwart.

Tentoglou – der Meister der letzten Versuche
Miltiadis Tentoglou, geboren im nordgriechischen Grevena und vergöttert bis zur Peloponnes, setzte die Gesetze der Gravitation schon als Jugendlicher ausser Kraft. Über die Disziplin Parkour fand der heute 27-Jährige zur Leichtathletik, der ältesten olympischen Sportart (neben dem griechisch-römischen Ringen). Im Weitsprungsand hat er seither alles erreicht: Doppel-Olympiasieger, Welt- und Europameister (indoor wie outdoor), elffacher internationaler Goldmedaillengewinner. Doch sein Ruf beruht nicht allein auf Titeln und sportlichen Lorbeeren, sondern auf der Art, wie er sie erringt.
Immer wieder steht «Miltos», wie er in seiner Heimat liebevoll genannt wird, kurz vor dem Aus oder wartet auf den finalen Durchgang, ehe er seinen «mirakulösen Sprung» auspackt. Wenn andere schon jubeln, wenn die Spannung fast verflogen scheint, tritt der Meister des letzten Versuchs vor. Tentoglou, ganz Dramaturg, macht aus dem Wettkampf ein Theaterstück. Er baut die Spannung auf wie ein Sirtaki: langsam beginnend, sich steigernd bis zur kollektiven Ekstase. Wie bei der EM 2024, als er im sechsten und letzten Durchgang auf 8,65 m segelte. Im Römer Olympiastadion überflügelte er damit nicht nur den italienischen U20-Weltrekordhalter Mattia Furlani und den Schweizer WM- und EM-Bronzemann Simon Ehammer, sondern auch sich selbst.

Ehammer – der helvetische Antipode
Auf dem Zürcher Sechseläutenplatz trifft Miltiadis Tentoglou abermals auf seinen helvetischen Antipoden. Nicht erst seit Ehammers Trainingslager im Frühjahr auf Kreta und dem gemeinsamen Nachtessen verbindet die beiden neben dem gegenseitigen sportlichen Respekt auch eine private Freundschaft. Zwischen Olivenhainen und Mittelmeer schwitzten und lachten sie, teilten Trainingseinheiten und unterhielten sich über Millimeterentscheide am Absprungbalken.
«Wir sind gute Freunde», sagt Tentoglou, dessen Vater Georgios in Deutschland ein griechisches Restaurant betreibt, «auch wenn ich mich als Spezialist äusserst ungern von einem Zehnkämpfer schlagen lasse». Der Appenzeller Alleskönner, Wanda Diamond League Champion 2023 in Eugene, wartet noch immer auf den ersten 8-m-Sprung bei einem der beiden grossen Heimmeetings. Spezialist Tentoglou hingegen weiss, wie es auf Zürcher Boden geht: Seinen bisher einzigen Diamanten eroberte der Weltjahresbeste 2022 im Stadion Letzigrund mit 8,42 m. Natürlich im letzten Versuch…

Karalis – Frohnatur auf Höhenflug
Mehr Gegenwehr dürfte seinem griechischen Landsmann und Trainingspartner Emmanouil «Manolo» Karalis auf dem Sechseläutenplatz erwachsen – obschon der «ewige Zweite» beim City Event in Lausanne gerade erst seinen Premierensieg im Rahmen der Wanda Diamond League gelandet hat. Als «jung, hübsch, grossartig, sozial, gutaussehend und lustig» stellte sich die Frohnatur der Social-Media-Community mit einem breiten Lachen vor. Und tatsächlich: Der 24-jährige Athener mit ugandischen Wurzeln, den wilden Rastas und der ansteckenden Energie besitzt die Leichtigkeit und Leidenschaft eines Tänzers.
Der Stab scheint für ihn kein Werkzeug, sondern ein Partner, mit dem er tanzt – geschmeidig, rhythmisch, manchmal unberechenbar. Unvergessen sein Einspringen bei Weltklasse Zürich 2024, als er das Bersten seines Zauberstabs mit einem akrobatischen Rückwärtssalto quittierte. Unterschätzen sollte man den Improvisationskünstler deshalb nicht. Der U18-Europameister von 2016 ist einer der wenigen, die den Überflieger Armand Duplantis zumindest ein bisschen kitzeln können.
«Mondo» – Motivation für «Manolo»
Motiviert durch seinen gleichaltrigen schwedischen Weggefährten «Mondo», dringt «Manolo» in immer höhere Sphären vor, ja bricht selbst Barrieren. Nach Platz vier und drei bei den Olympischen Spielen 2021 und 2024 überwand er vor einem Jahr als erster dunkelhäutiger Stabhochspringer die magischen sechs Meter.
Wo andere in Ehrfurcht erstarren, blüht der mutige Himmelstürmer auf. In elf Wettkämpfen, zehn in diesem Jahr, sprang er schon sechs Meter oder höher. Anfang August bei den nationalen Meisterschaften schraubte er sich auf schwindelerregende 6,08 m und Position vier der ewigen Weltbestenliste – hinter Weltrekordler Duplantis und dessen Vorgänger Renaud Lavillenie respektive Sergey Bubka.

Aufgefangen von der Familie
Ein Aufstieg wie Ikarus. Nur dass Emmanouil Karalis nicht Gefahr läuft, der Sonne zu nah zu kommen und wieder abzustürzen. Nach einer persönlich schwierigen Phase, geprägt durch Verletzungen, Rassismus und Depressionen, fiel er zwischenzeitlich in ein Tief. Aufgefangen hat ihn seine Familie. Dank ihr kehrte die südländische Lebensfreude zurück – und füllt seither ganze Stadien. Mutter Sarah und Zwillingsschwester Schwester Angeliki waren 2024 dabei, als sich Manolo im Sog von Mondo Duplantis und Sam Kendricks aufs Olympiapodest katapultierte und an der Pariser Abschlussfeier die blau-weisse Fahne der Geburtsnation der Spiele tragen durfte.
Vater Charalampos, ehemaliger Zehnkämpfer mit einer persönlichen Stab-Bestleistung von 4,80 m, betreut den aktuellen Hallen-Europameister und Indoor-WM-Zweiten als Hauptcoach. Zu Manolos Team zählen aber auch Marcin Szcezpanski, der Stab-Trainer des polnischen WM-Medaillengewinners Piotr Lisek, sowie George Pomaski, langjähriger Trainer von Miltiadis Tentoglou. Entsprechend viele Lauftechnik- und Kraft-Einheiten bestreiten die beiden Sprung-Landesrekordhalter zusammen.
Mehr als ein Hauch Olympia
Miltiadis Tentoglou und Emmanouil Karalis – zwei Griechen, zwei Freunde, zwei Persönlichkeiten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine ruhig, fast scheu, ein kühler Dramaturg und Meister seines Stücks. Der andere extrovertiert, nie verlegen um einen Scherz, ein Spassvogel, der gerne auch improvisiert.
Und doch verbindet sie mehr als ihre Herkunft, ihre PUMA-haften Sprünge und die Kunst, der Schwerkraft zu trotzen: die Liebe zur grossen Bühne, das Gespür für den Moment, die Fähigkeit, eine ganze Arena mitzureissen. Beide werden sie das Zürcher Publikum in ihren Bann ziehen und zum Tanz bitten. Sirtaki auf dem Sechseläutenplatz. Olympia im 21. Jahrhundert. Ein griechisches Fest im Herzen der Stadt Zürich.
